Tagblatt Online, 28. April 2011 – Sekt, Chips und Vibratoren

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Von herzig bis heftig: Sextoys.

Sextoy-Party Wenn die Promoterinnen von Bonbonrose an einen Polterabend eingeladen werden, kommen Dildos und Liebeskugeln auf den Tisch und später per Paket nach Hause.

KATJA FISCHER DE SANTI

Erwartungsvoll sitzen die sieben Frauen auf dem Sofa in einem kleinen Haus im Rheintal. Alle haben ein hellgrünes T-Shirt übergestreift und ein Cüpli in der Hand. Die zukünftige Braut trägt einen Rock aus alten Krawatten, die Stimmung ist heiter und der Hund wurde sicherheitshalber in der Keller gesperrt. Der Polterabend kann beginnen. Mélanie Hocquet zieht den Reissverschluss ihres Koffers auf und breitet ihre Schätze aus: ein buntes Arsenal an Sexspielzeug. Die Frauen kichern und nehmen noch einen zünftigen Schluck Sekt. Schliesslich wollen sie während ihrer ersten Sextoy-Party nicht allzu verklemmt erscheinen.

Fuckerware statt Tupperware

Die Sorge ist unbegründet, denn eine sogenannte Fuckerware-Party ist einer Tupperware-Party recht ähnlich; mit dem Unterschied, dass Promoterin Mélanie Hocquet, die lieber einfach nur Mel genannt wird, keine Salatschleudern und Käsedosen in die Runde gibt, sondern geschmeidige Mini-Vibratoren oder glitzernde Nippel-Sticker.

«Um das Eis zu brechen, beginne ich den Abend mit harmlosen Sachen wie Massageölen», sagt die Gossauerin. Seit gut einem Jahr arbeitet sie als freischaffende Promoterin für Bonbonrose.

Die Schweizer Firma wurde vor vier Jahren von der gelernten Psychiatriekrankenschwester Maria Bonnet gegründet. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie den umfangreichen Onlineshop von ihrer Wohnung in Lausanne aus.

Die Website von Bonbonrose hat nichts Schmuddeliges an sich. Alles wirkt aufgeräumt und freundlich, keine Busen, kein Gestöhne; stattdessen interessante Gebilde mit Namen wie «Yooo» oder «Bubble», die Mann und Frau erst auf den zweiten Blick überhaupt als Sexspielzeug identifizieren kann.

Offen über Sex reden

Diskret führt Mel die Polterabend-Frauen denn auch an die Spielzeuge heran, trotzdem sagt sie was Sache ist: «Mit Liebeskugeln kommt ihr nicht zum Orgasmus – aber sie stimulieren über längere Zeit.» Und bei den vibrierenden Gummientchen weist sie darauf hin, dass dies nur die Spass-Variante sei, «die richtige zum Draufsitzen ist viel grösser».

Etwa einmal im Monat führt die 32-Jährige durch einen Sextoy-Abend und betreut zudem die anderen drei Promoterinnen in der Deutschschweiz. Als Sexpertin würde sie sich trotzdem nicht bezeichnen. «Ich bin im Bett ganz durchschnittlich». Zumindest war sie das, bevor sie sich durch das Sortiment von Bonbonrose probiert hat. «Schliesslich muss ich wissen, was ich anpreise», sagt sie und lacht. Denn manchmal würden die Frauen sehr genau wissen wollen, wie dieser oder jener Dildo die Lust steigere.

Der ganze Tisch surrt

An diesem Abend im Rheintal ist das nicht anders. Das anfängliche Gelächter ist echtem Interesse gewichen. Und keine der Damen lässt es sich entgehen, die verschiedenen Vibrationsstufen wenigstens am Unterarm – «dort spürt man es besser» – auszuprobieren. Bald surrt und brummt es am ganzen Tisch. Ein kleiner, pinker Vibrator mit Fernbedienung für die Handtasche erregt besonders viel Aufmerksamkeit.

Die erste Sekt-Flasche ist inzwischen leer und Mel packt die «grösseren und etwas spezialisierteren Sextoys aus.» Die Frauen bleiben interessiert. Die jüngeren mehr als die älteren, denen es beim Anal-Dildo für die Duschwand doch etwas zu heftig wird. «Wenn das der Pfarrer sähe», sagt eine, «oder mein Mann», fügt ihre Freundin an, dann lachen beide laut los.

Nach gut eineinhalb Stunden geht es ans Bestellen. «Am besten laufen eher harmlose Produkte wie Augenbinden oder spezielle Öle», sagt Mel. Das ist an diesem Abend auf dem Land nicht anders. Der Mini-Vibrator mit Fernbedienung steht am Schluss aber auch zweimal auf einer Bestellliste. Und während Mélanie Hocquet ihren Koffer zusammenpackt und der Polterabend sich Richtung Städtchen verschiebt, sagt eine der Frauen, dass dies nicht ihr letzter Sextoy-Abend gewesen sei.